Krokus: Ausgeblüht

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Krokus: Ausgeblüht

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Die Youngs sollten bald zu einem weiteren Schlag ins Gesicht ausholen. Als Krokus sich gerade auf die Veröffentlichung ihres Albums LONG STICK GOES BOOM vorbereiteten, dessen Titelstück mit einem Kanonenknall beginnen sollte, erfuhren sie, dass AC/DC für ›For Those About To Rock (We Salute You)‹ exakt dieselbe Idee hatten. „Wir hatten schon ein Fotoshooting in Solothurn gemacht, wo wir von diesen antiken Waffen umgeben waren“, so von Rohr.

Eine Band musste einlenken, und Krokus gaben widerwillig nach. Sie benannten ihr Album um in ONE VICE AT A TIME. Mit Backing-Vocals vom neuen Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson auf dem Song ›I’m On The Run‹ gab die Platte der Band einen mächtigen Schub in den USA. Auch ihre inspirierte Neuinterpretation des Guess-Who-Hits ›American
Woman‹ von 1970 trug ihren Teil dazu bei. Auf den folgenden Alben wirkten sich die Coverversionen hingegen eher negativ aus. „Als ich in der Band war, versuchten wir immer, den Song zu verbessern und im Krokus-Stil zu spielen“, erklärt von Rohr. „Ich hätte diese Fassungen von [Alice Coopers] ›School’s Out‹ oder [The Sweets] ›The Ballroom Blitz‹ niemals erlaubt, denn sie waren komplett scheiße.“

Dennoch geriet das nächste Krokus-Album, HEADHUNTER (1983), inklusive einer Version von Bachman-Turner Overdrives ›Stayed Awake All Night‹ zum bislang größten Seller für Krokus. Und es ist bis heute von Arbs Lieblingswerk. Krokus eroberten zu dieser Zeit den amerikanischen Markt und traten dort mit Acts wie Rainbow, Pat Travers Band, Judas Priest, Rush, Van Halen und Gary Moore auf. Doch hinter den Kulissen schwelten besorgniserregende Probleme. Ihr neuer Manager Butch Stone war ein Sklaventreiber
– von Rohr behauptet, dass sie seit METAL RENDEZ-VOUS nicht mal eine Woche frei gehabt hätten. Noch gefährlicher war jedoch, dass Storaces Ego außer Kontrolle geriet.

Die Situation gipfelte 1983 in einem Eklat, als die Band, hauptsächlich wegen ihres Sängers, aus dem Line-up einer der größten Hardrock-Tourneen jenes Jahres in Amerika gestrichen wurde: der von Def Leppard. Die Briten ritten gerade auf der neuen MTV-Welle und wurden mit PYROMANIA zu Stars. Am ersten Abend waren Krokus gewarnt worden, sich von den Gerüsten und Rampen der Headliner fernzuhalten, doch Storace tat genau das, was man ihm verboten hatte. Beim nächsten Auftritt kopierte er komplett Joe Elliotts Bühnenshow vom Abend zuvor, wodurch es aussah, als würde der Hauptact seine Vorgruppe imitieren. Und nachdem Butch Stone vor einem Journalisten der Zeitschrift „Circus“ geprahlt hatte, dass Krokus den Headliner Abend um Abend von der Bühne fegen würden, kam es zu Handgreiflichkeiten. „Es wurde sehr hässlich, und als unser Manager den [Leppard-]Schlagzeuger [Phil Allen] schlug, wurden wir natürlich von der Tour entlassen“, erinnert sich von Rohr, spürbar reumütig. „Es ist für Marc immer noch schwer, sich daran zu erinnern, denn er weiß, dass er ein Arschloch war.“

„Plötzlich war ein Teil der Bühne mit Klebeband abgetrennt“, erzählt Storace, sich schämend wie jemand, der sich bei einer Party im Vollrausch blamiert hat. „Butch ermutigte mich, diese Regeln zu brechen. ‚Hör nicht auf sie [Def Leppard], hör auf mich. Ich bin dein Manager‘. Die Prügelei war dann wie in einem Western.“

Ende 1983 lebten Krokus immer noch den Rockstartraum. Chris von Rohr erinnert sich, dass der Großteil der Band mit „Mädchen, Joints und viel Bier“ zufrieden war, gibt aber zu, dass „auch Kokain im Spiel“ war. „Wir hatten zu viel Erfolg und es gab zu viel von allem.“


Für von Rohr lief die Uhr ab, als Stone ihn zum Unruhestifter erklärt hatte. Und nach einem Interview mit einer der größten Schweizer Tageszeitungen, in dem der Gitarrist freimütig
das Tourleben beschrieb, war sein Schicksal besiegelt. „Was in Las Vegas passiert, sollte in Las Vegas bleiben“, erklärt von Arb. „Damals war ich wie andere in der Band auch ein ziemlicher Partylöwe. Wenn ein Journalist eine wilde Story über eine Band auf Tour schreibt, dann ist das eine Sache. Aber wenn ein Bandmitglied, das nicht so sehr aufs Feiern steht, damit zur Presse rennt, ist das etwas ganz anderes.“

„Vielleicht war es nicht besonders klug, dieses Interview zu geben“, stimmt von Rohr zu. „Aber rückblickend betrachtet, wusste Stone, dass ich die einzige Person war, die ihm gefährlich werden konnte. Die Sache ist die: Selbst auf dem Höhepunkt unseres Erfolgs verdienten die Bandmitglieder nicht mehr als 2.000 oder 3.000 Franken im Monat. Ich fing an, zu fragen, warum das so war, also fing er an, mich beim Rest der Band anzuschwärzen.“

Tatsächlich hatte von Arb schon mit dem Gedanken spielt, bei Krokus auszusteigen, doch von Rohrs Entlassung hielt ihn davon ab. „Ich hatte das Gefühl, dass der Kern der Band – Chris und ich – bereits zerbrochen war“, erzählt er.

Für von Rohr, der mit Gotthard später eine weitere Schweizer Rockband entdeckte und produzierte, war der Rausschmiss keineswegs so katastrophal, wie es zunächst den Anschein hatte. Krokus dagegen wurden traurigerweise immer belangloser. „Wäre ich geblieben, hätte die Band niemals diese beschissenen Alben THE BLITZ [1984] oder CHANGE OF ADDRESS [1986] veröffentlicht“, ärgert sich von Rohr heute. „Drei Jahre später sagte Stone zu mir: ‚Wenn ich gewusst hätte, was du zu dieser Band beigetragen hast, hätte ich dich nie gefeuert‘. Aber es war zu spät. Wenn die Glaubwürdigkeit futsch ist, zählen Fakten nicht mehr.“

The Blitz Krokus

„Chris von Rohr war die Linie der Beständigkeit, die sich durch unsere besten Platten zog“, gesteht Storace ein. „Ihn zu feuern, war ein großer Fehler.“ Auf die Frage, wie es sich anfühlte, als Krokus ins Abseits drifteten, hat Fernando von Arb eine einfache Antwort: „Beschissen“.

1 Kommentar

  1. …..leider lässt die verdammte Corona-Pandemie zur Zeit keine Shows zu. Vielleicht klappt es ja noch dieses Jahr im Herbst.
    Krokus ist wie bei uns die Scorpions, eine klasse Hard-Rock-Band. Die Zeit bleibt bei keinem stehen. Goodbye, eure Musik bleibt uns erhalten, wenn auch leider nur als Konserve………

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