Blues Boom: Fantastic Negrito

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Blues Boom: Fantastic Negrito

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Wer behauptet, der Blues sei nur etwas für alte Männer? Der Rebell und Grammy-Gewinner sprang dem Tod von der Schippe und wurde zu einem der größten Innovatoren im Blues.

Im Vorfeld seines jüngsten Albums, dem Gamechanger PLEASE DON’T BE DEAD von 2018, hatte Fantastic Negrito einen Chuck-Berry-Moment. Er wollte einen Song mit derselben unwiderstehlichen Wirkung von Berrys unübertrefflichem Klassiker ›Johnny B. Goode‹ schreiben. Das Ergebnis war ›Plastic Hamburgers‹. Oberflächlich betrachtet, sind die beiden Stücke grundverschieden – Letzteres bringt Mississippi Blues der Plantagen-Ära und die neuesten Oakland-Klänge auf eine Weise zusammen, die Berry nicht zur Verfügung gestanden hat. Doch sie haben eines gemeinsam, etwas, das der Schlüssel aller langlebigen, unwiderstehlichen Schätze des Rock’n’Roll ist: das Riff! „Mann, dieses Riff, das aus der Bluestradition kommt“, sagt der Mann, der als Xavier Amin Dphrepaulezz auf die Welt kam, mit einem Lächeln. „Das ist etwas, das man einfach nicht leugnen kann, egal wer du bist. Ich erinnere mich, wie ich mal [für eine Show] in Norwegen war. Ich dachte: ‚Mann, lasst uns mit dem Song anfangen‘, denn in Norwegen schienen die Leute sehr reserviert zu sein. Aber als wir damit loslegten, war die Reaktion: ‚Whoah!‘ Und ich dachte: ‚Da ist dieses universelle Riff‘. Das ist meine Version von ›Johnny B. Goode‹“. Er hält inne und fügt dann mit einem verschlagenen Lächeln hinzu: „Ich bin nicht so gut wie Chuck Berry“.

Dphrepaulezzs Musik ist ebenso dynamisch und wendungsreich wie sein Leben, das in einem orthodox muslimischen Haushalt in Massachusetts begann, wo er eines von 14 Kindern war. Familienbesuche im ländlichen Virginia brachten ihn erstmals mit dem Blues in Berührung, doch damals hinterließ er noch keinen bleibenden Eindruck. Als er 11 war, zog die Familie nach Oakland, Kalifornien, wo seine strenge Erziehung mit dem HipHop, Punk, Funk und Classic Rock, dem er dort ausgesetzt war, kollidierte. „Das war alles ein großes Mischmasch in meinem Kopf. Mir war egal, was es war, solange es gut war.“

Diese Musik hatte eine derart starke Wirkung auf ihn, dass er mit 12 von zuhause weglief und zum Straßenkind wurde, das sich mit Drogendeals über Wasser hielt und in verlassenen Autos schlief. Er trug, was auch immer für schräge Sachen er finden konnte, und schlich sich in die Proberäume der Universität von Berkeley, um sich das Klavierspielen beizubringen. Die Leute hielten ihn für seltsam, doch seine Kindheit hatte ihn gewissermaßen darauf vorbereitet. „Meine Mutter war 33 Jahre jünger als mein Dad. Mein Dad [ein somali-karibischer Einwanderer] war 1905 geboren. Also yeah, ich war schon ein ganz schöner Außenseiter. Das war in Ordnung. Dinge passieren nun mal. Ich mache ihnen keine Vorwürfe.“

Was denkst du, was für einen Beruf sich dein Dad für dich gewünscht hätte? „Mann, das ist eine gute Frage …“ Er hält inne und überlegt. „Wer wusste das? Was ich durch meinen Dad gelernt habe ist, dass jeder etwas durchmacht. Das hilft mir, die Leute nicht so oft zu bewerten. Warum ist diese Person ein totales Arschloch? Vielleicht macht sie gerade etwas durch, vielleicht wurde sie auf eine bestimmte Weise erzogen. Es lässt mich die Leute tolerieren.“

Als die Crack-Epidemie Amerika überrollte und es wirklich hässlich wurde, zog er nach Los Angeles. Dort bekam er einen Vertrag mit dem Management von Prince. Doch dann hatte er einen schrecklichen Autounfall, nach dem er drei Wochen im Koma lag. Danach hörte er auf, Musik zu machen, und zog zurück nach Oakland, um sein eigenes Künstlerkollektiv zu gründen, Blackball Universe, und zwar mit seinem alten Freund Malcolm Spellman, einem der Autoren der TV-Serie „Empire“. Etwa fünf Jahre lang machte er keine eigene Musik mehr. Bis eines Tages …

„Sie forderten mich immer wieder heraus“, erinnert er sich an seine Blackball-Kollegen. „‚Was willst du wirklich machen?‘ Ich sagte: ‚Nun, ich liebe diesen Blues-Scheiß …‘“ Und so kam es, dass Dphrepaulezz, mittlerweile in seinen Vierzigern, die alten Bluesgrößen wiederentdeckte, die ihm seine Großeltern vor all den Jahren im ländlichen Virginia vorgespielt hatten. Die Musik von Skip James, Robert Johnson, RL Burnside und Elmore James wurde immer wichtiger in seinem Leben. „Ich liebte diese Musik, und ich dachte: ‚Fickt euch alle. Wen kümmert’s?‘ Ich begann, meine schwarzen Wurzeln, meinen Background zu entdecken.“ Er denkt nach und fährt fort: „Es hat etwas Seltsames, ein schwarzer Amerikaner zu sein. Wir sind wohl eine der musikalisch innovativsten Bevölkerungsgruppen der Welt … Aber wir haben ein kurzes Gedächtnis. Die Community, aus der ich komme, weiß nicht, wer Robert Johnson ist. Sie kennen Skip James nicht. Doch wenn die Leute mich nach Fantastic Negrito fragen, habe ich die Gelegenheit, diese Namen zu nennen. Und vielleicht werden ein paar Kids sie aufschnappen und sich davon inspirieren lassen.“

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